Das gute alte Tut oder wie ich mal in einer Warteschleifenmusik festhing
Dezember 22nd, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar
Das Leben hat Pause gerade. Ich kann weder sprechen, noch singen, noch irgendeine andere körperliche Regung vollführen. Außer ein Winken zu meinem Mitbewohner, das ihm so viel sagt wie, „Ey, duuuuu, kochst mir mal n Tee?!“, ist mit mir in den letzten 4 Tagen nichts anzufangen gewesen. Mein Hals brennt und kratzt und weint seit mehreren Tagen.
Ich mag es, krank zu sein. Ich surfe den ganzen Tag im Internet, gucke alle 7 Staffeln Grey’s Anatomy hintereinander und höre meine Lieblings-Yo La Tengo-Alben rauf und runter und lasse mich von allen Seiten mit einem besorgten Blick fragen, ob es denn etwas „Ernstes“ sei, ich würde so schlecht am Telefon klingen. Dass man am Telefon, wenn man krank ist und eine krankheitsbedingt belegte Stimme hat, immer total scheiße klingt, weiß nur ich. ….
Natürlich bin ich kein Simulant, ich hatte Fieber letzte Nacht und eiere immer nur dann zur Toilette, wenn es sich wirklich überhaupt nicht mehr aufschieben läßt…..
Ich erreiche keine Ärzte. „Manche Dinge lassen sich aber nicht aufschieben“, denke ich beleidigt und habe Angst, dass jetzt gleich jemand rangeht und er dann am Telefon aus Versehen die Verfluchungen zu hören kriegt, die ich gerade gedacht habe. Ich brauche einen Radiologie-Termin und ich muss meine BahndCard sperren lassen, die ich verloren habe. Alles lebensnotwendige Dinge…..
Ich fluche weiter, als ich zum hundertausendsten Mal die Dauerschleifenansage oder -musik höre und strecke das Telefon weit weg von meinem Ohr. Dabei entdecke ich die Lautsprecherfunktion meines Telefons. Ich liebe auf einmal mein Telefon und richte mich auf im Bett.
Es tutet und piepst und frauenstimmensäuselt immernoch in meine Gehörgänge. „Manche Dinge lassen sich aber nicht aufschieben“, denke ich schon wieder, und lege nicht auf. Auch nicht nach der dritten Weiterleitung in Weiterleitungsschleife 532. Ich warte geduldig und versuche lieber nicht darüber nachzudenken, wieviel Geld ich hier gerade beim Warten auf die Deutsche-Bahn-Hotline verpulvere. ….
Am interessantesten finde ich die unterschiedlichen „Strategien“ der Firmen, Ärzte und im Ganzen Telefonwarteschleifenmusikproduzenten dieser Erde. Jeder glaubt, dass er auf seine Weise den Menschen am anderen Ende der Leitung bei der Stange halten kann.
Die beste Musik gab es bis jetzt bei meiner Hausärztin. Es war ein Fest! ….
Meine Hauzärztin hat der gängigen Strategie der „Bitte warten Sie!“-Ansage schon von vornherein völlig abgeschworen – Sie spielt Musik .
Aber nicht, wie ebenfalls sehr beliebt Mozart.
Kleiner Einschub/Exkurs hierzu: Es wird, das kann ich empirisch behaupten, vorrangig in Warteschleifen „Die Kleine Nachtmusik“ von Mozart in einer – das versteht sich von selber- schrecklich verzerrten, weil am Telefon übermittelten Version abgespielt. So lernt man Stücke der klassischen Musikwelt wirklich aus tiefstem Herzen zu hassen, ist meine Diagnose. Ich kann es wirklich niemandem verübeln, der jedes Mal, wenn er jetzt Mozarts „Kleine Nachtmusik“ im Radio hört, die Augen in alle Richtungen verleiert, weil er sie vorher schon 27.000 Mal in einer dieser bescheuerten Warteschleifenmusiken gehört hat…..
Meine Hausärztin jedenfalls hat extra für die Patienten, die aufgrund einer vollen Praxis nicht gleich in arzthelferinnenmanier kurz und bündig am Telefon abgefertigt werden können, sondern in der Warteschleife „hängen geblieben“ sind, eine Telefonwarteschleifenmusik eingerichtet, die offensichtlich extra für diesen Anlass komponiert wurde.
Ja, der Beruf des Komponisten ist auch nicht mehr das, was er mal war. Ich käme mir jedenfalls als Komponist ziemlich verarscht vor, wenn ich einen Auftrag für das Komponieren einer solchen Musik bekommen würde. Ich würde dann zu bedenken geben: „Ja, bin ich denn ein Telefonwarteschleifenmusikkomponist?“. Das würde mein Auftraggeber natürlich bejahen und mir verständnislos den Zettel mit der zeitlichen Vorgabe der Musik in die Hand drücken und mein Komponistenkomponierzimmer kopfschüttelnd mit dem Satz verlassen, dass ich doch froh sein sollte, überhaupt irgendwelche Aufträge zu haben.
Als ich die Arzthelferin meiner Hausärztin auf die dezente Telefonwarteschleifenmusik hin ansprach, mich also offensichtlich für eine in ihren Augen absolute Banalität interessierte, die sie auch, mal ganz davon abgesehen, noch nie in ihrem Leben selbst gehört hatte, rollte sie eine hunderdstel Sekunde mit den Augen und teilte mir dann freundlich aber bestimmt mit, dass ich das doch jetzt bitte bei meinem verabredeten Termin mit der Frau Doktor besprechen sollte. Ich war erleichtert, dass sie mich nicht öffentlich mit diversen Sätzen gedemütigt hatte. Denn jemand, der in einer sehr vollen Praxis so eine Frage stellt, muss schon echt einen an der Waffel haben.
Frau Doktor behandelte zuerst mit aller studierten ärztlichen Sorgfalt meine eingebildete Krankheit und teilte mir dann auf meine Frage die Telefonwarteschleifenmusik betreffend mit, dass sie einen Komponisten beauftragt hätte. Für die Telefonwarteschleifenmusik.
Nun war ich vollends hellauf begeistert von der Frau Doktor und verließ mit der kleinen Nachtmusik auf den Lippen die Praxis. .
Nachtrag:
Ich glaube, dass 80% aller Beriebsleiter, Firmenchefs ect. sich gegen jegliche Form der Beschallung während des Wartens auf ein Durchstellen entscheiden würde, hätte nur ein einziger unter ihnen den Mist vorher mal probegehört und sich selbst angerufen, – aber sowas macht man ja nicht, sich selbst anrufen….wäre ja auch zu verrückt so was zu machen.
Was ist nur aus dem guten alten Tuuuut tuuuut tuuuuuuut geworden?