Selbstmitleid klappe die zweite

„Borreliose, borreliose, seemannshose.“, denke ich.

Sagen tue ich  so etwas wie, „Wuaaahhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhh….!“

Aber zu spät.

Wrooooooooooooooooooooooooooaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaam. Kpfbrfbpgrpf.

Ich komme wieder zu mir und liege auf dem Boden. Mein weißes Fahrrad liegt auf mir drauf. Wie konnte es soweit kommen?

Aber der Reihe nach:

Ich bin behindert. Und dabei bin ich doch erst zarte 27. Ich dachte, mit 65 könnte man das erst mal behindert sein. Also behindert jetzt im sinne von, eingeschränkt handlungsfähig sein. Eingeschränkt handlungsfähig sein kann ja so ziemlich alles heißen, das möchte ich an dieser stelle einmal ausdrücklich erwähnen.

Merke: offensichtlich hat behinderung nichts, aber auch überhaupt nichts, mit dem alter zu tun. Wieder einen schritt weiter im zuge meines großangelegten selbsterkenntnis-projektes.

Am linken Arm klebt ein mit Blut durchgesupptes pflaster, der rechte arm glänzt mit einem unansehnlichen weißen verband, der meinen kompletten arm bedeckt und schrecklich kratzt.

Weiter im Text und zu den harten fakten:

Ich hatte einen sonntag im juni bemerkenswerter weise dazu genutzt, meine klamotten dem kofferraum eines fremden autos anzuvertrauen und sagte mitte  ade – es war ausnahmsweise mal schrecklich heiß.

Der liebnitzsee wird vielleicht nicht mein bester freund unter den abertausend seen berlins werden, aber er erfüllt seinen zweck – sprich ich war abgekühlter als vorher. Bis ich vier tage später die zecke an meinem oberrarm entdeckte. Richtig festgesaugt hatte sie sich und nuckelte da an meinem arm rum, um was weiß ich von mir zu bekommen. Heldinningleich hatte ich sie restlos nachts um vier mir vom schlaf verklebten augen rausgezogen. Dass dies tatsächlich eine heldentat war, wurde mir dann erst viel später klar.

Borreliose war eine krankheit, von der ich bis jetzt nur aus einer schauergeschichte gehört hatte, die meine beste freundin damals, als sie mal von einer zecke gebissen worden war immer noch jahre später zum besten gab:

Sie wurde damals von einer zecke in den kopf gebissen. Ihr vater, der held dieser kindheitsgeschichte, wusste sofort rat und überschwemmte daraufhin die zecke mit fett in form von geschmolzener butter.

Was einem im nachhinein vielleicht ecklig erscheinen mag, ist eine begebenheit, mit der ich schon immer mal eine breitere masse quälen wollte und kam mir damals als 9-jährige so zwingend logisch und plausibel vor wie die liebe in den zeiten der cholera. Denn, so erklärten mir meine beste freundin und ihr vater, das flüssige fett würde die zecke ertränken und verhindern, dass sie einen noch größeren schaden anrichten könnte.

Die ersten blutwerte ergaben dann nur einen schwach erhöhten wert. Borreliose, du alte schlampe, dachte ich, komm raus, du bist umzingelt.

Aber so einfach war das nicht.

Borreliose, borreliose. Ich wusste ja bisher noch nicht mal, dass man das nicht mit u sondern mit o schreibt. Scheiße.

Und wie klingt das überhaupt? Booorrreliooose.

Das klingt wie das wort eiter wenn ich es lallend und besoffen rückwärts versuche auszusprechen oder auch vielleicht wie ein russischer diplomat.

„Frau geller, darf ich Ihnen Herrn Borreliose vorstellen?“. Er ist an vorderster front mit an der verbesserung der diplomatischen beziehungen zwischen deutschland und russland beteiligt.

„Angenehm, angenehm.“, entgegne  ich verwirrt.

Dass borreliose anscheinend keine ganz so einfach zu diagnostizierende krankheit ist, wie ich bisher angenommen hatte, sollten mir die kommenden wochen zeigen. Für den nachwies einer in meinem falle untypischen borreliose braucht man – so viel sei hier schon mal verraten – zeit. Viiel zeit.

Aber, bin ja selbstständig. Momentan zumindest.Hap ja viel zeit.

Vielleicht ist die zeit reif für die gründung meiner ersten bureliose-selbsthilfegruppe.

Ich habe es im Urin.

Es ist faszinierend, was so eine diagnose vor allem bei allen anderen außer einem selber auslöst.

Bei mir hatte die diagnose nämlich tatsächlich zu anfang nur folgendes ausgelöst: nichts.

Da ich keine beschwerden hatte, war es mir die ersten zwei monate völlig schnurz, ob ich diese scheiß-borreliose nun hatte oder nicht. Nur mein näheres umfeld, geriet in form meiner mutter schon bei dem ersten verdacht in fürchterliche Panik.

Man machte sich große sorgen.

Man solle das nicht auf die leichte schulter nehmen, man solle nochmal zu einem anderen arzt gehen, man solle fotos vom arm machen – der biss war ja am arm- und einem arzt in der familie schicken. Ich fand mich also ernsthaft in meiner wohnung wieder, in der jemand eine kamera auf meinen unglaublich elegant gewachsenen oberarm richtete und erwischte mich dabei, wie ich dachte:

„Bitte recht freundlich!“  (ich bin mir sicher, er hat gelacht.)

Das waren alles in allem natürlich gut gemeinte ratschläge , für die frau natürlich zum einen super dankbar ist, weil rumleiden einfach eine große sehr unterschätzte stärke von mir ist und zum anderen zeigten sie mir, wer mich in dieser gottverlassenen welt wirklich liebt.

Das ist ja das drama mit der aufmerksamkeit. Texte über krankheiten, tod, elend und verzweiflung, liest man ja auch oft gerne, weil man denkt, „ieeehhhhh“ und dann, „aber hey, ich hab sowas zum glück nicht.“, oder,  „ooch, der ärmste.“

Ohne völlige übertreibung kann ich behaupten : unsere gespräche am sonntäglichen frühstückstsich hatten auf einmal wieder sinn bekommen.

Und dann BÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄM –

Die zweite blutentnahme zeigte auf einmal sprunghaft angestiegen werte.

Ich meine, klar, der fachmann wird jetzt einwenden, da gibt es ja MEHRERE werte. Aber ich rede hier nur von den WICHTIGEN werten. Die, die meine ärtzin den schrecklichen satz sagen ließen:

„na, da werden sie wohl um drei wochen antibiotika nicht herum kommen.“

DREI WOCHEN???????????????????????????????

Hatte ich mich da gerade verhört?

Ich schluckte und traute mich überhaupt nicht in ihre richtung zu gucken, da ich wusste, dass der anblick meiner entgleisten gesichtszüge für keinen normalsterblichen außer mir selbst zu ertragen waren im moment.

„DREI WOCHEN KEINEN ALKOHOL!“

Das war der einzige satz, der durch mein gehirn waberte.

„Bin ich jetzt ein suffie?“, fragte ich mich weiter.

Ein

„Dann nehmen wir ihnen zur sicherheit nochmal ein bißchen blut ab“,

holte mich in die realität zurück.

„Ein bißchen?? Zur sicherheit?“, dachte ich. Das waren alles auf einmal unverständliche floskeln für mich.

DIESMAL wurde das blut nicht vom rechten arm, sondern vom linken arm abgenommen.

Ich als vertreter der aussterbenden spezies der linkshänder legte beim blutabnehmen immer besonderen wert darauf, dass der rechte und nicht der linke -mein schreib und arbeitsarm – zum piiiecksen missbraucht wurde.

Der rechte arm war gerade aufgrund der bereits erwähnten verbandes außer gefecht gesetzt.

Meine auf einmal nicht mehr so liebenswerte ärztin gab mir anschließend die hand und sagte nur:

„Na dann bis mittwoch dann, frau geller. Ach, das ist ja schon übermorgen.“

Wenigstens freut sich anscheinend meine ärztin riesig darauf mich wieder zu sehen.

Hat sie mal richtig was zu tun. Borreliose.

„Der patient 03568 hat borreliose. Könntest du da noch mal den wert x überprüfen. Hm ja. Ist bis morgen mittag noch nicht da? Auch nicht mit dem fahrradkurier? Und könntet ihr vielleicht gleich noch den anderen blutwert y mitkontrollieren lassen? Ihr habt das blut doch noch da.“

Dass mir innerhalb von zwei wochen gefühlte 10 liter blut abgenommen worden sind, und ich mit meinem mageren eisenleeren vegetarier-blut noch nie beim blutspenden war, lässt mich über das thema blut, komma, mein eigenes, nochmal ganz neu nachdenken.

„Soll ich ihnen ein glas wasser bringen?“, fragt die arzthelferin. „Sie sehen so blaß aus.“ und tatsächlich, da wird mit schwarz vor augen.

Als ich wieder bei bewusstsein bin, eiere ich aus der praxis und steige aufs fahrrad.

„Borreliose, borreliose, seemanshose“, denke ich, aber da liege ich bereits auf der straße.

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